Die ligurische Familie

Die italienische Familie ist sprichwörtlich für ihre emotionale Intensität und ihren Zusammenhalt gegenüber äußeren Einflüssen bekannt. Italiener definieren sich über ihre Familie, nicht nur aus Stolz auf ihre soziale Herkunft und Zugehörigkeit, sondern auch deshalb, weil die Familie entscheidende Voraussetzungen für ein Weiterkommen bietet. Sie gewährt logistische und finanzielle Unterstützung für Bildung und Ausbildung (ist in Italien immer Familienangelegenheit, es gibt dort kein Bafög oder Sozialhilfe) und/oder eine gewisse emotionale Sicherheit. Den immer länger im Familienverbund verbleibenden Söhnen und Töchtern begegnet sie – im Vergleich zu früher – mit größerer Toleranz und Freiheit. So wird von vielen Jugendlichen die Familie als Institution sehr hoch geschätzt und stellt für die meisten jungen Italiener die Lebensform dar, die sie selbst einmal leben wollen.
Familienoberhaupt ist der Vater, aber die Mutter ist die vorherrschende Persönlichkeit in einem italienischen Haushalt. Sie umsorgt alle, vor allem die Söhne, die in Italien eine sehr starke Bindung zu ihrer Mutter haben.
Aus finanziellen Gründen (siehe oben) bleiben viele junge Italiener bis zur Hochzeit zu Hause wohnen und ziehen erst dann aus.

Auch nach der Hochzeit ihrer Söhne spielen die ligurischen Mütter für diese eine Hauptrolle. Mehr als 40% der verheirateten Männer unter 65 leben in Italien (laut dem nationalen Statistikinstitut) weniger als ein Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt. Gut 20% der Männer wohnt im selben Stadtviertel. Von denen, die sich weiter vom Elternhaus entfernt haben, rufen immer noch 70 % ein Mal täglich die Mutter an. Außerdem besuchen fast 80% der verheirateten Paare, die allein leben, mindestens ein Mal pro Woche ihre Eltern. Oft kommt es bei vielen Paaren deshalb zu einer Trennung, weil der Mann nicht wirklich zwischen seiner Mutter und seiner Ehefrau unterscheiden kann. Interessant ist auch, dass nach der Trennung die meisten Männer wieder bei ihrer Mutter einziehen.

Wegen der psychischen Abhängigkeit der Ehemänner von der Mutter annullierte das Familiengericht des Vatikans viele kirchliche Ehen. Allein 2005 erklärten die römischen Richter der Sacra Rota 2005 insgesamt 69 Ehen für ungültig. Als Grund galt, dass die mammoni nicht in der Lage gewesen seien, ohne Einmischung der Mutter gemeinsam mit der Ehefrau Entscheidungen zu treffen.
Was allerdings ausgedient hat in Italien, das ist das Klischee der Großfamilie: Die Zeiten, in denen mehrere Generationen an einem Raum füllenden Tisch saßen, an dem jede Menge Kinder für Durcheinander sorgten, gehören der Vergangenheit an. In den 1990er Jahren lagen die Italiener am Ende von Europas Geburtenziffer, und wenn sich das in den letzten Jahren etwas geändert hat. Die Geburtenzahl betreffend ist Italien immer noch Schlusslicht in Europa. Statistisch gesehen hat eine Frau in Italien gerade mal noch 1,2 Kinder, also weniger als der EU-Durchschnitt von knapp 1,5. Die Modernisierung der italienischen Gesellschaft, deren Ursachen die Industrialisierung, die Migration in die Großstädte und die Mobilität war, hat die Großfamilie weggefegt. Wie in vielen anderen europäischen Ländern wird auch in Italien die „Kleinfamilie“ zur Regel.

Ob klein oder groß: Die ligurische Familie kann immer noch als Vorbild für Zusammenhalt und Kinderliebe gelten. Und selbst wenn die Geburtenrate etwas anderes vermuten lässt: Die Italiener bleiben kinderlieb, das merkt man, wenn man mit Kindern unterwegs ist, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, im Norden oder im Süden. Der Kellner im Restaurant streichelt dem Kleinen im Restaurant liebevoll den Kopf, und Menschen mit Kleinkindern werden am Strand oder auf der Pro¬me¬nade nicht selten mit: „Ma che carino!“ („Was für ein süßes Kind“) angesprochen.

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